König
für

5 Tage

 

Ein König wird – entsprechendes Elternhaus vorausgesetzt – geboren und nicht gemacht. Es sei denn, man heißt Otto Witte und hebt sich selbst auf den Thron.
So geschehen vor über 90 Jahren.

Am 13. Februar 1913 trieb jener Otto Witte, ein kleiner Schausteller aus Heimbach an der Nahe, sein wechselvolles wie listenreiches Leben auf die Spitze: Er ließ sich zum König von Albanien krönen. Das ruhmreiche Abenteuer währte fünf Tage, und es klingt noch heute unglaublich.

Schausteller Otto Witte aus Heimbach machte Geschichte

Liebe Leser,

als mich bei der Vorbereitung des Heimattages 1973 in Heimbach Landrat Dr. Walter Beyer und Bürgermeister Gerhard Dingert baten, etwas über den legendären König von Albanien vorzutragen und ich zusagte, ahnte ich nicht, auf was ich mich da einließ.

Ich recherchierte überall, wo ich nur eine Spur fand, Behörden und Archive in Baumholder, Berlin, Gau-Algesheim, Hamburg, usw. befragte ich. Sogar Erich Honecker half mir, an die Heiratsurkunde in Berlin-Pankow zu kommen. Fridolin Bauerfeld vor allem verdanke ich eine sehr ergiebige Spur nach Hannover. Im SPIEGEL 19947 und im Spiegel-Archiv wurde ich fündig.

So sah Otto Witte (1871-1958)im Alter aus - ein Bruder fast vom Hauptmann von Köpenick

Der Redakteur des Öffentlichen Anzeigers in Bad Kreuznach machte mir das Archiv der Zeitung zugänglich. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin und die Staatskanzlei Saarbrücken verschafften mir ein Buch, mit dem jemand früher schon einmal versucht hatte, Licht ins Dunkel zu bringen. Der Autor warf aber die Flinte ins Korn. Gerade das wollte ich nicht. Der albanische Botschafter und sein Kulturattachee versprachen mir Hilfe bei dem Versuch, zu erfahren, was im Lande Albanien über die damaligen Vorkommnisse zu erfahren ist. Viele Personen, Presseorgane unterstützten mich und ich könnte die Litanei der Stellen, die mir Hilfe gewährten, noch viel weiter fortsetzen. Das wäre sicher ermüdend für Sie.

Hier lebte Otto Witte

 

In Heimbach war zu Anfang meiner Recherchen bekannt, dass Witte hier unter dem Namen „De Hahne Keenisch" bekannt war. Er lebte „uff da Hahneborsch", ein Haus, das zwischen den Häusern Schuh und Zimmer etwas erhöht stand. Im Grundbuch war er ebenfalls als (Wilhelm) Hahn eingetragen. Für meinen Vortrag hatte ich nur 20 Minuten Zeit. Diesen gestrafften Text, der in den Mitteilungen des Vereins für Heimatkunde gedruckt wurde, veröffentlichte die Redaktion des Bläätchens 1997 in einer Serie über mehrere Monate.

Alles Neuere und auch weitere Einzelheiten erfahren Sie später. So z.B., dass das Bundespräsidialamt nach dem Besuch des Bundespräsidenten in Albanien weitere Kontakte ermöglicht hat und dass in Berlin-Pankow, Witte als einer der ihren angesehen wird und in Festzügen auftritt. Diese Kenntnis verdanke ich Pickard Beate, die dort verheiratet ist. Also, später alles weitere.

 Viel Vergnügen beim Lesen dieser unglaublichen Geschichte, die 1997 als Serie in unserem "Bläätchen" veröffentlicht wurde.

Mit freundliche Grüßen

Kurt-Hugo Laininger

Wer heute als politisch interessierter Mensch den Landesnamen Albanien hört, denkt wahrscheinlich daran, dass dieses südosteuropäische Land mit etwa zwei Millionen Einwohnern eine demokratische Volksrepublik darstellt, die sich von Moskau abgewendet und an China angelehnt hat, ihre Mitarbeit im Comecon eingestellt hat und aus dem Warschauer Pakt ausgetreten ist.

Wer darüber hinaus noch an religiösen Dingen Interesse hat, weiß, dass Albanien, dessen Einwohner etwa zur Hälfte Mohammedaner sind, während ein Drittel dem röm. kath. und dem orthodoxen Glauben angehören, sich als „ersten atheistischen Staat der Welt" bezeichnet. Im Jahre 1967 wurden in Albanien mehr als 2.000 Moscheen und Klöster geschlossen.

Spätestens jetzt werden Sie sich fragen: „Was hat Heimbach mit Albanien zu tun?" Bevor ich jedoch dazu komme, Ihnen zu erzählen, wie ein Einwohner von Heimbach König von Albanien geworden ist, ist ein kurzer historischer Rückblick nötig:

Albanien, das erst im 20. Jahrhundert ein Nationalstaat wurde, war seit dem Jahre 167 Teil des römischen Reiches. Nach der Reichsteilung im Jahre 395 gehörte es zum byzantinischen Osten. Später war es Streitobjekt zwischen verschiedenen Nachbarländern. In der Mitte des 15. Jahrhunderts gelang erstmalig unter Skanderbek eine Vereinigung aller albanischen Stämme. Nach dessen Tod im Jahre 1468 wurde das Land endgültig türkisch (mit der Folge, dass die Mehrzahl der Albaner zum Islam übertrat). Abgesehen von Aufständen verschiedener Bergstämme gegen die türkische Fremdherrschaft erwachte das albanische Nationalbewusstsein erst am Ende des 19. Jahrhunderts. nach Ausbruch des 1. Balkankrieges rief Ismael Kemal. Bei in Valona am 28.11.1912 die Unabhängigkeit Albaniens aus. Am 29.7.1913 einigten sich die Großmächte in London auf die Schaffung eines selbständigen Albaniens.

In diese Zeit fallen die Begebenheiten, auf die ich in meinem Vortrag eingehen möchte. Zuvor will ich noch den weiteren Verlauf der Staatwerdung Albaniens skizzieren.

Der zum Fürsten des neuen Staates ausersehene deutsche Prinz Wilhelm zu Wied konnte sich in den wenigen Monaten von März 1914 bis zum Kriegsausbruch nicht durchsetzen. Bis zum Ende des 1. Weltkrieges war Albanien von Mittelmächten und von den Italienern besetzt. 1922 bemächtigte sich Ahmed Zogu der Regierung. 1928 wurde er König. Später lehnte sich Albanien an Italien an. 1939 wurde Viktor Emanuel III König in Personalunion. König Zogu war vorher geflohen. Nach dem italienischen Zusammenbruch kam das Land, (dessen Selbständigkeit nominell wieder hergestellt worden war), unter deutsche Besatzung. Nach dem Abzug der deutschen Truppen wurde Albanien unter Generaloberst Enver Hodscha demokratische Volksrepublik. (1946).

Zum Zeitpunkt der albanischen Unabhängigkeitsbestrebungen trat Otto Witte in das Licht der Öffentlichkeit. Wir sind auf seine Erinnerungen angewiesen, die er in seinem Buch „Fünf Tage König von Albanien" vorgelegt hat. Die darin geschilderten Taten sind anscheinend für seine Zeitgenossen nicht voll nachprüfbar gewesen, denn in dem rd. 700 Seiten umfassenden Werk Friedrich Wencker-Wildberg mit dem Titel „Ungekrönte Könige, Versuch einer Weltgeschichte des Abenteurers", *) Das schon 1934 erschien und in dem sich der Verfasser ernsthaft bemüht hat, die Geschichte einer besonderen Abart der Abenteuer, nämlich der Könige von eigenen Gnaden, zu schreiben, gibt er im Quellennachweis an, er habe die von Witte gegebenen Schilderungen seines albanischen Königsabenteuers nicht nachprüfen können. ich muss Sie also bitten, die Sache nicht allzu ernst zu nehmen.

*) = Staatsbibliothek Marburg, PB 568550

Otto Witte erzählt

Witte schildert in seinen Memoiren, die bereits 1931 im Öffentlichen Anzeiger in Bad Kreuznach als Fortsetzungsgeschichte erschienen sind, wo ich sie im Archiv ausgegraben habe, seinen Lebensweg. Ich folge nun seiner Darstellung:

Er wurde als Kind eines Schaustellers, der in einem Wagen durchs Land fuhr und auf dem Jahrmarkt Damen ohne Unterleib, Seeschlangen und andere Sehenswürdigkeiten vorführte, geboren. Eine richtige Schule hat er kaum besucht; was ihm an Ausbildung fehlte, ersetzte er durch Mutterwitz und Pfiffigkeit.

Schon mit dem neunten Lebensjahr begann sein Wanderleben. Mit einem Menageriebesitzer zog er samt Bude und Viehzeug nach Italien. Er war Zauberlehrling, „abgetrennter menschlicher Kopf", „zersägter" und „verschwundener Jüngling". Nachdem er seine umfassende „Ausbildung" bei Arena-, Theater- und Zirkusbesitzern und als Seiltänzer erfahren hatte, riss er mit 12 Jahren aus – in die Schweiz. Auf der Reise verdiente er seinen Unterhalt durch Handlesen.

Die reiche Witwe

In Mailand kam er zu einer Witwe, die bei seinem Anblick in Tränen ausbrach, weil er ihrem verstorbenen Sohn ähnlich sah. Dessen Platz nahm er für einige Zeit ein, bis ihm das zu langweilig wurde. Sein unruhiges Blut führte ihn diesmal nach Osten; über Venedig, Triest, Budapest und Belgrad nach Serbien. Als ihm das Taschengeld ausging, arbeitete er als Hilfsarbeiter am königlichen Schloss, wo er Gelegenheit fand, dem Königspaar seine Zauberkunststückchen vorführte. Als die Arbeiten beendet waren, ging er mit seinem Arbeitskollegen auf die Walze, bis beide schließlich mazedonischen Räubern in die Hände fielen. Da sie das geforderte Lösegeld (die zuerst verlangten 10.000 Lire wurden schließlich auf 5.000 ermäßigt) nicht beschaffen konnten, mussten sie flüchten. Dann fuhren die beiden Freunde nach Konstantinopel, wo Witte auf einem Dampfer anheuerte. Die Arbeit als Kohlentrimmer machte ihm keinen großen Spaß. Mitgebrachte Stahlwaren aus Solingen, die er unverzollt an Bord brachte und an die Passagiere verkaufte, brachten ihm aber neben dem Erlös aus Zaubervorführungen schöne Einnahmen. In der Türkei kam er mit Trinkgeld und irgendwie gestempelten Papieren überall durch. (Voll Stolz über seine Unverfrorenheit und sein Glück erzählte er, dass er einmal sogar mit einer alten gestempelten Rechnung, die nicht einmal auf seinen Namen gelautet hat, durchgekommen sei).

Geliebt von des Negus Töchterlein

Das nächste größere Erlebnis, das er für berichtenswert hält, spielt Abessinien. Er hatte sich einer Expedition angeschlossen, die das Gebiet des blauen Nils erforschen wollte und zu deren Ehre der Negus Negesti Menelik II einen Empfang gab. - Der Prinzessin gefielen nicht nur die Kunststücke, sondern auch der junge blonde Deutsche. Die beiden beschlossen, miteinander zu fliehen. In Suakin, wo sie ein nach Suez führendes Schiff besteigen wollten, wurden sie von der Hafenpolizei erwischt. Während die Nachfahrin des Königs Salomo und der Königin von Saba zu ihren Eltern zurückgebracht wurde, fand sich für Witte ein Platz hinter festen Mauern. Als gewandtem Artisten war es ihm aber ein leichtes, zu verschwinden, bevor es ihm an den Kragen gehen konnte. Von Beirut, wohin der mit einem Schiff, auf dem er Arbeit gefunden hatte, gelangt war, wanderte er zu Fuß nach Jerusalem. (Dort machte er die Bekanntschaft des Pascha-Gouverneurs, der Gefallen an ihm fand und ihn öfter auf die Jagd mitnahm).

Quer durch Afrika

Auf einer Reise durch Ägypten fotografierte er die Königsgräber (sicher hat er die von ihm hergestellten Karten nicht nur verschenkt). In Kairo schlüpfte er in dem warmen Nest einer Rumänin unter, mit der er sich gut verstand. Überhaupt scheint ihm die Verständigung nirgends Schwierigkeiten bereitet zu haben. Afrika lernte er bei Expeditionen, denen er sich anschloss, durch und durch kennen. Als er dieses Lebens überdrüssig geworden und nach Konstantinopel gegangen war, fiel er einem Werber der Fremdenlegion in die Hände. Nach Lektüre der Schilderung seiner dort erlittenen, „Ausbildung" kann man verstehen, dass er es vorzog, sich möglichst schnell wieder aus dem Staube zu machen.

Flucht in Offiziersuniform

Das schaffte er in einer erbeuteten Offizieruniform, in der sich auch eine Uhr befand, die er sogleich versetzte. Der Erlös reichte auch zum Erwerb eines falschen Passes auf den Namen „Graf Hohenthal". Eine Deutsche aus Siebenbürgen, deren Ehemann kurze Zeit vorher unter Hinterlassung eines beachtlichen Vermögens gestorben war, nahm ihn mit nach hause. Dort erwartete ihn nicht nur die dringend benötigten Kleider, nein, er durfte ganz bleiben und in die Rechte des verstorbenen Ehemannes eintreten. Gegen eine Abfindung von 20 Pfund Sterling verzichtete er schließlich auf seine temperamentvolle Gönnerin zugunsten eines Kaufmannes aus Sachsen. Dieser „Nachfolger" wollte aber sichergehen, dass er sein Geld nicht zum Fenster hin- ausgeworfen hatte; er kaufte nicht nur die Schiffskarten nach London, sondern er vergewisserte sich auch persönlich, dass sein Vorgänger wirklich abreiste.

Die Sache mit Matkei

Auf der Fahrt nach London tröstete Witte sich schnell über den Abschiedsschmerz hinweg, denn er , lernte eine hübsche junge Griechin namens Matkei kennen. Mit dieser Lebensgefährtin; sie hatte ebenfalls eine unglückliche Liebe hinter sich, freundete er sich an. Später wohnten beide in einem erstklassigen Hotel, bis das Geld ausgegangen war. Aber auch diese schöne Frau besaß er nicht allein; sie ging ihm später nach Amerika durch mit einem Burschen, der ihr vorgeschwindelt hatte, er habe zwei Millionen Dollar zugute, die er nur abzuholen brauche. Schließlich stellte sich heraus, dass der saubere Bursche bei der Bank 300 Pfund erschwindelt hatte mit Hilfe eines gestohlenen Scheckbuches. Er beschloss sofort, der Geliebten, die er gutgläubig wähnte, nachzufahren, und zwar als blinder Passagier.

 

"Graf Hohenthal" lernt an Bord die schöne Matkei kennen

Als Retter in der Not traf er seinen alten Freund, den rothaarigen . Emil, mit dem er früher auf einem Frachtdampfer zusammen gewesen war. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser rothaarige Freund aus Heimbach stammte.

Dieser Freund brachte ihn im Kohlenbunker unter und verpflegte ihn auch. Nachdem er in Amerika vergeblich nach seiner Freundin gesucht hatte, reiste er nach Deutschland zurück. Als Clown mit einem Zirkus und später als Schauspieler von Stadt zu Stadt ziehend, fand er auch die Spur seiner ungetreuen Matkei wieder, die sich in Konstantinopel befand, aber inzwischen verheiratet war. Er konnte also nur vorübergehend, bis ihr Ehemann zurückkam, bei ihr bleiben. ohne von ihr Abschied zu nehmen, schloss er sich einer russischen Expedition nach Ägypten und dem Viktoriasee an. Er legte dabei 4.000 km quer durch Afrika zurück und fuhr per Schiff nach Indien (einem Teil der Welt, den er bisher noch nicht gekannt hatte), wo er sich als Taucher für eine Tiefsee-Expedition meldete. Schließlich fuhr er nach Südafrika, durchwanderte das Kapland, den Oranje-Freistaat der Buren, Transvaal und das Betschuanaland.

Unter Menschenfressern

Als er schließlich unter Menschenfresser geriet, konnte er sich nur noch dadurch retten, dass er sie durch Zauberkunststücke davon überzeugte, dass sie es mit einem großen Geist, der mit geheimnisvollen Mächten in Verbindung stand, zu tun hatte. Auf dieser Wanderschaft lernte er auch die Pygmäen kennen. Zum Dank für die ihm gewährte Gastfreundschaft befreite er drei, von einem Nachbar-Negerstamm geraubte Pygmäenfräulein, die aber nicht mehr zu ihrem Stamm zurückkehren wollten. Nach Transvaal gelangt, gab er Zaubervorstellungen, zu denen die drei Mädchen tanzten. Auch später in Europa zog Witte mit den drei dunkelhäutigen Damen von Stadt zu Stadt; er feuer- und degenschluckend, die Urwaldschönen tanzend. Um die drei Frauen, die ihm schließlich doch lästig geworden sein mögen, loszuwerden, verheiratete er sie an einen Holländer, einen Böhmen und einen Tiroler.

 

Fauler Zauber mit den Wilden

Die Befreiung von Mädchen

Nach Indien gereist, fand er eine Schatz, der es ihm ermöglichte, überall in der Welt und auch in Deutschland als „Abgesandter des lieben Gottes" in Not geratenen Leuten zu helfen. Auf Sklavenmärkten kaufte er Europäer frei und schickte sie in ihre Heimat zurück. Auf Sansibar befreite er deutsche Mädchen, die in öffentlichen Häuser verschleppt worden waren.

Schließlich kehrte er nach Deutschland zurück, wo er eine Familie gründete, Dann zog er über die Jahrmärkte mit einem Karussell oder einer Menagerie mit dressierten Affen und Seehunden, die ihm Hagenbeck geliefert hatte. So haben ihn alte Heimbacher Einwohner noch in Erinnerung.

Soldat in der türkischen Armee

Nach vielen Abenteuern, die man gar nicht alle wiedergeben kann, wurde er schließlich am Vorabend des 1. Balkankrieges Offizier der türkischen Armee. Als Spion mit falschem Namen Josef Joppe gelang es ihm, im Dienste des türkischen Geheimdienstes die gesamten Aufmarschpläne der bulgarischen Armee aus dem Kriegsministerium in Sofia zu entwenden. Von dem Vorschuss in Höhe von 10.000 Goldpiasten brachte er sogleich 9.000 Piaster zur Post. Hier zitiere ich ihn wörtlich: „Dort füllte ich eine Zahlkarte an meine Frau nach Deutschland aus und schob dann neuntausend Piaster auf’s Zählbrett. Dabei freute ich mich über  das dumme Gesicht, das sie machen würde, wenn der Postbote das viele Geld daheim in Heimbach an der Nahe auf den Tisch zählen würde, denn neuntausend Piaster waren nach deutschem Geld noch immerhin fast dreitausend Mark "

 

Otto Witte in der Uniform
eines türkischen
Generalfeldmarschalls

Bei dem Einstieg in das Ministerium, den er raffiniert bewerkstelligte, schweiften seine Gedanken manchmal ab zu den neuntausend Piaster, die er heimgeschickt hatte. Sicher, so dachte er, habe der Krämer von Heimbach davon schon einen Teil in seiner Kasse. Wenn nicht alles täuscht, meinte er mit dem Krämer einen Herrn Licht aus Baumholder, von dem wir später noch etwas hören. Die geglückte Beschaffung der wichtigen Akten wurde mit der Verleihung des türkischen Majorspatents belohnt.

Als nächstes übernahm er die Herbeischaffung der serbischen Aufmarschpläne. Als Reisekostenvorschuss erhielt er wieder 10.000 Goldpiaster, die er alsbald zur Post und auf den Weg nach Heimbach brachte. Beim Geheimdienst eingeführt hatte ihn ein türkischer Jugendfreund namens Arzim, der bei seinem größten Abenteuer eine bedeutende Rolle spielen sollte. Die Entwendung der serbischen Aufmarschpläne gelang ihm schließlich mit Hilfe des Mädchens, in dessen Herz und Zimmer er Aufnahme gefunden hatte. Die beiden stahlen ganz einfach einem schon etwas wackeligen General, der die Dame jede Woche einmal besuchte, seine gelbe Aktentasche, in der sich die begehrten Papiere befanden. Nach einer gefährlichen Flucht über die Donau konnte Witte die Pläne, die auch über die vorgesehene Aufteilung der europäischen Türkei Aufschluss gaben, auf den Tisch der türkischen Geheimdienstzentrale legen. - Beim Geheimdienst wurde Witte übrigens nur „Prinz" genannt, weil seine Ähnlichkeit mit dem türkischen Prinzen Halim Eddin sofort ins Auge stach.

Oberbefehl an Prinz Halim-Eddin

In dem so genannten 1. Balkankrieg, der um diese Zeit begann, und in dem der Balkanbund (bestehend aus Serbien, Montenegro, Griechenland und Bulgarien) gegen die Türkei kämpfte, müssen dort unten recht unübersichtliche Verhältnisse geherrscht haben. Beim Ausforschen der Zustände hinter der serbischen Front kam ihm dann der Gedanke, die beiden in Albanien stehenden türkischen Armeen mit einem fingierten Befehl zum Handeln zu veranlassen. Schließlich wollte er als türkischer Prinz Halim Eddin sogar selbst den Oberbefehl über die Truppen übernehmen. Da er zwar sehr gut türkisch sprach, aber weder türkische lesen noch schreiben konnte, musste er sich der Hilfe seines türkischen Freundes Arzim versichern. Dieser sollte ihm als Adjutant zur Seite stehen. Es wurde die Absendung zweier Telegramme beschlossen. „Prinz Halim Eddin kommt, übernimmt Oberbefehl. Der „Sultan", lautete das eine, während das andere folgenden Text aufwies: „Prinz Halim Eddin kommt, hat Oberbefehl über sämtliche Truppen! Die oberste Heeresleitung". Während diese Telegramme von einem Kapitän Volkars in Konstantinopel aufgegeben wurde, hatten sich die beiden Freunde bereits nach Durazzo durchgeschlagen. Die Reise war nicht ohne Gefahr. Die zuvor in Wien bei einem Kostümverleiher erworbenen türkischen Uniformen wären den beiden bei ihrer Ankunft in Durazzo fast zum Verhängnis geworden. Mit Degenschlucken und ähnlichen Kunststücken konnte Witte die serbischen Offiziere von seiner Ungefährlichkeit überzeugen. Per Bauernkarren und zu Fuß setzten sich Witte und Arzim in Marsch in Richtung Tirana, das noch von den Türken besetzt war. Erst etwa 30 km von der Küste entfernt stießen sie auf türkische Vorposten. Sie kleideten sich unbemerkt um und verscharrten ihre Kleider. Dann befahl Witte seinem Adjutanten, dem ersten türkischen Posten zu melden, seine Hoheit Prinz Halim Eddin wünsche unverzüglich General Essad Pascha zu sprechen.

So geschah es dann auch. Bis zum Quartier des Befehlshabers war das Gefolge des falschen Prinzen auf gut zwei Dutzend Offiziere angewachsen. Im Quartier Essad Paschas nahm Witte eine Parade ab. Der Zustand der Truppen war derart miserabel, dass dem falschen Prinzen der Ausruf „Saumäßig, wie die Truppen aussehen" entfuhr. Es gelang ihm sehr schnell, sich Autorität zu verschaffen. Seine Kenntnisse der serbischen Aufmarschpläne, die er sich als türkischer Spion angeeignet hatte, machten großen Eindruck. Dann hielt er folgend Ansprache:„Der Krieg, Effendis, hat eine Wendung genommen, die der ruhmreichen Geschichte der sieggewohnten türkischen Heere Hohn spricht. Unsere Hauptarmee ist vor Adrianopel, das die Bulgaren schwer bedrängen, festgehalten.

 

König von Albanien nimmt die Parade ab.

Die beiden besten türkischen Armeekorps, die ihren, Effendis, sind berufen, den Krieg zu unseren Gunsten zu entscheiden. ich bin gekommen, Sie zum Siege zu führen. "Das serbische Hinterland ist von Truppen entblößt. Der Weg nach Belgrad ist offen. Wir werden vorstoßen und es erobern!

Er schmiss den Laden

Nachdem ihm die Situation auf der türkischen Seite geschildert worden war, ordnete er ein Zusammenziehen aller Truppen an. Durch sein knappes, militärisches, energisches Auftreten machte seine Hoheit einen solchen Eindruck, dass die beiden türkischen Generäle den Plan fassten, den vermeintlichen Prinzen zum albanischen König auszurufen. Damit wäre ein türkenfreundlicher König vorhanden gewesen, bevor die Westmächte den Thron hätten verschachern können.

Dieser Plan gefiel Witte sehr. Sein Freund Arzim war überhaupt nicht einverstanden. Als türkischer Offizier schien ihm die Sache auf Meuterei hinauszulaufen. Da es im Falle des Gelingens die letzte Möglichkeit gewesen wäre, dem türkischen Sultan das Land zu erhalten, rechnete man mit dessen nachträglicher Zustimmung. Es wurde also eine schlichte Proklamation ohne allen Pomp und Prunk beschlossen. Alles andere sollte nach Beendigung des Krieges anlässlich der Krönung nachgeholt werden.

Zum König ausgerufen

Am nächsten Tag wurde Witte von Essad Pascha zum König von Albanien ausgerufen. Unter Hochrufen der von weither herbeigeeilten Albaner, schmetternder Musik, Geschrei und Tücherschwenken erklärte Witte, er sei gewillt, den Thron anzunehmen und dem stolzen Volk der Albaner ein würdiger König zu werden. Als plötzlich irgendwo eine Kanone böllerte, glaubte er zunächst an das Ende seiner Königsherrlichkeit - aber es waren Salutschüsse. Als die Schüsse verhallt waren und es an die Vorlesung der Regierung ging, sprang Arzim ein, wofür er dann zum 1. Minister ernannt wurde. Die Erklärung, in der viel von den taten des legendären Nationalhelden Skanderbeg (der im 15. Jahrhundert versucht hatte, die Unabhängigkeit Albaniens zu erkämpfen) die Rede war und der geschickt die Jahrhunderte der Türkenherrschaft mit einem großen Sprung übergangen wurden, bis man schließlich bei der Nationalversammlung vor drei Monaten anlangte, wurde mit lautem Jubel begrüßt. Dann wurden Geschenke überreicht, es nahm fast keine Ende.

 

Es lebe der König von Albanien!
Militär und Bevölkerung jubelten ihm zu

Als Unruhen aus Tirana gemeldet wurden, begab der neue König sich unverzüglich dorthin. Ein Attentat auf ihn wurde von der skipetarischen Leibwache abgeschlagen. Er nahm von seinem Regierungspalast Besitz, in dem zwar noch kein Schreibtisch, aber ein Harem mit 11 jungen hübschen Töchtern einflussreicher Albaner vorhanden war.

Am vierten Tag des Königtums Wittes ging aus Konstantinopel ein Telegramm ein, aus dem zu entnehmen war, dass der richtige Prinz Halim Eddin sich nach wie vor in Konstantinopel aufhalte, so dass der zum König ausgerufene Prinz ein Betrüger sein müsse. Kurz entschlossen ließ Witte den militärischen Stab zusammenrufen, zerriss das Telegramm, nahm Assad Pascha seinen Degen ab, ließ ihn und den anderen türkischen General verhaften und war damit vorerst wieder Herr der Lage. Dann ernannte er den Albaner Ben Dota zum neuen Oberbefehlshaber.

In Arbeiterkleidung geflohen

In dieser Nacht beschlossen Witte und Arzim gemeinsam zu fliehen. Sie teilten die Geschenke unter sich auf und ritten, begleitet von 20 Offizieren, aus der Stadt hinaus. Unter irgendwelchen Vorwänden entledigten sie sich nach und nach ihrer Begleitmannschaft, bis sie schließlich, schon in der Nähe der Küste angelangt, allein waren. Von einem Bauern ließen sie sich Arbeitskleidung geben. Die verräterischen Uniformen versenkten sie in einem Bach. Im Morgengrauen kamen sie unbeschadet in Durazzo an. Die serbischen Posten ließen die beiden zerlumpten Bauern, die offenbar zum Markt wollten, ohne zu fragen passieren. In Durazzo gingen sie an Bord eines österreichischen Schiffes, das sie in anderthalb Tagen nach Fiume brachte. Dort erfuhren sie, welche Wellen ihr Königsabenteuer in der ganzen Welt geschlagen hatte. Vor allem in Berlin soll man sehr erbost gewesen sein, denn die Vorbereitungen, den Prinzen zu Wied zum König von Albanien zu machen, waren schon weit vorgeschritten. - Es stellte sich heraus, dass Witte alles den Kriegsberichterstattern zu verdanken hatte, die die Meldung von der Königsproklamation auf der ganzen Welt verbreitet hatten. Bethmann Hollweg hatte daraufhin Telegramme nach Konstantinopel geschickt und gegen den vermeintlichen Gewaltstreich des Sultans protestiert. Konstantinopel, das aber ein reines Gewissen hatte, hatte geantwortet, es müsse sich um einen falschen Prinzen handeln, denn der richtige sei in Konstantinopel. So war also der Stein ins Rollen gekommen.

Sogar vom Verschwinden der beiden Abenteurer hatte die Presse bei deren Eintreffen in Fiume schon berichtet. Nachdem er sich von Arzim getrennt hatte, fuhr Witte nach hause.

Schwierigkeiten bei der Rückreise

In Salzburg hatte er an der Grenze Schwierigkeiten bei der Zollkontrolle, als man die Schätze aus seinen Hosentaschen zog. Er wurde mehrere Tage aufgehalten und verhört, denn in Tirana war man nicht bereit, auf telegrafische Anfrage zuzugeben, dass man auf seinen Schwindel hereingefallen war.

Witte sagte, man habe doch sicher in den Zeitungen von der Ausrufung eines Königs von Albanien gelesen und von seiner plötzlichen Flucht. Der Mann sei er, und wenn ihm 1000 Telegramme unter die Nase gehalten würden, die änderten alle nichts daran, dass der Exkönig von Albanien im bürgerlichen Beruf der Artist Otto Witte aus Heimbach an der Nahe bei Bad Kreuznach sei.

Da man ihm das nicht glaubte und ihn für geisteskrank hielt, wurde er in eine Nervenheilanstalt untergebracht. Nach einigen Tagen kam der Chefarzt dann aufgeregt gelaufen. Er trug eine vierzehn Tage alte Zeitung in der Hand mit einem Bild, auf dem Witte an der Spitze seines Gefolges zu sehen war, als er in Tirana einzog, um im Justizpalast Wohnung zu nehmen. Auf dem Foto war er in seiner königlichen Würde genau zu erkennen.

Also ließ man ihn weiterfahren. Auf einer Gesellschaft, die der Polizeipräsident gegeben hatte, waren auch Presseleute zugegen, die nichts Eiligeres zu tun hatten, als die ganze Geschichte in die Zeitung zu bringen. Vor allem hatte es ihnen die Sache mit dem Harem und den 11 schönen Mädchen angetan, die er selbst vor lauter Sorgen und Arbeit nur eine Stunde lang hatte anschauen können.

Nun lassen wir Otto Witte wieder selbst zu Wort kommen:

„Froh meiner Freiheit setzte ich mich auf die Bahn. Lange war ich nicht daheim gewesen. So fuhr ich denn über München, Stuttgart, Frankfurt und Bad Kreuznach geradewegs in mein Heimatdorf Heimbach an der Nahe. - Als ich dort den Bummelzug verließ, hielt mich schon gleich der Mann an der Sperre fest. - „Mensch Otto, was hast du nur wieder angestellt? Die Zeitungen schreiben, du wärst König von Albanien gewesen. Stimmt denn das alles, was die da berichten?" - „Stimmt! Stimmt!" nickte ich herablassend und hatte meinen Spaß an der Verblüffung. - Nun, dachte ich, wenn der schon alles weiß, dann wissen sie’s zu Hause ganz bestimmt; und mit stolzgeschwellter Brust ging ich heim. Aber der Empfang war ganz anders, als ich es mir gedacht hatte. - Kaum hatte ich die Wohnung betreten, da kam meine Frau auf mich zugeschossen und schrie: „Einen Harem hast du gehabt? Einen Harem mit 11 Mädchen? Pfui Teufel!" und meine fünf Kinder standen um uns herum und sahen mich mit verwunderten Augen an. Da konnte ich nur den Kopf schütteln. Dieser verfluchte Harem! Er hatte mich nicht nur die Königskrone gekostet, sondern brachte mich nun auch noch kurze Zeit um den häuslichen Frieden. Und dabei hatte ich ihn nur einmal für eine Stunde betreten".

Liebe Leser!

Ich überlasse es Ihnen, zu entscheiden, ob es sich bei den Schilderungen mehr um Köpenickiaden oder um Münchhausiaden handelt. In bin der Sache natürlich, so weit ich konnte, nachgegangen. Dabei bin ich darauf gestoßen, dass Witte wirklich in Heimbach gelebt hat. Das jedenfalls hat er nicht erfunden. Er wohnte in einem Haus, das „Hahneburg" genannt wurde. Ein Bild dieses Hauses haben wir in unserem ersten Bericht (Seite 3) gezeigt. Meine Nachforschungen beim Grundbuchamt haben ergeben, dass die Parzelle, auf der dieses Haus stand, am 09.06.1911 auf den Schausteller Wilhelm Hahn aus Gau Algesheim aufgelassen wurde. Aufgrund Zuschlagsbeschlusses vom 06.05.1913 ging es dann auf den Kaufmann Jakob Licht aus Baumholder über. Dieser hatte seinerzeit in Heimbach ein Ladengeschäft. Bei ihm dürfte es sich um den „Krämer" aus Heimbach gehandelt haben, bei dem Frau Witte einen Teil des Spionagelohnes umgesetzt haben soll.

Wer aber war Wilhelm Hahn? Die Verbandsgemeindeverwaltung Gau Algesheim, bei der ich unter Mitteilung des mir bekannten Sachverhaltes angefragt habe, hat mir geantwortet, von den befragten älteren, ortskundigen Leuten, wisse niemand etwas von einem Schausteller Hahn.

Die älteren Heimbacher Leute kennen Witte auch als „Hahne König". ich zweifle nicht mehr daran, dass die Namen „Graf Hohenthal" und „Josef Joppe" nicht die einzigen falschen Namen sind, die Witte in seinem langen leben geführt hat.

Nach dem 1. Weltkrieg lebte Witte in Bad Kreuznach. dort hatte er die Gastwirtschaft Zur Rhein-Nahe-Bahn gepachtet. Die alten Kreuznacher kennen ihn noch als Kandidaten bei der Reichspräsidentenwahl 1925. Damals hatte er die fraktionslose Partei gegründet und soll unter seinen Anhängern 23.000 Unterschriften zur Unterstützung seiner Kandidatur gesammelt haben. Dann aber soll er zugunsten von Hindenburg verzichtet haben, wie späteren Veröffentlichungen zu entnehmen war. Amtliche Unterlagen über die Zusammenhänge konnte ich bisher nicht auftreiben. Allerdings besitze ich Kopien von Dokumenten, die er 1947 beim Oberbürgermeister der Stadt Berlin eingereicht hat, als er die Wiederzulassung seiner Partei beantragte. In diesem Gesuch gab er an, etwa 30 % seiner Anhänger seien im Ruhrgebiet beheimatet, während im Rheinland 27 % wohnten. In Großberlin habe er 20.000 Anhänger. Die Unterschrift Wittes, die sich auf dem Antrag neben 14 weiteren Unterschriften befindet, ist offensichtlich mit einem stumpfen Bleistift auf einem hölzernen Tisch ohne Unterlage geschrieben worden.

Dass die alliierte Kommandantur nach Einsicht in die eingereichten Unterlagen es mit der Zulassung der Partei nicht eilig hatte, kann man sich denken. Dass hinter den nicht sehr geschickt abgefassten Schriftstücken, die sich teilweise in einer wörtlichen Wiedergabe von Aufrufen der Besatzungsbehörden das Nachkriegsdeutschland brauchte, war ihr sicher schnell klar geworden. Den folgenden Auszug aus der Charlottenburger Neuen Zeitung vom 08.01.1933 will ich ihnen nicht vorenthalten:

Otto Witte gründet ein Partei

Auf in den Reistag! Im Jahre 1918 gründete Witte, der übrigens jetzt auch mehrere Gastwirtschaften in Kreuznach besitzt, eine Partei und lässt sich als Reichstagskandidat aufstellen. In einem Flugzettel heißt es wörtlich: Wählerinnen und Wähler, Mittelstand, Arbeiter, Schausteller, Händler, Gastwirte, Kleinbauern sowie alle Unterbeamten, lasst euch nicht durch anderes Schreiben und Sprechen betören, seid fest und standhaft, denn keiner kann eure Interessen besser vertreten als Otto Witte, Gastwirt, Schausteller und Händler. Witte ist ein weltbereister Mann, der Land und Leute im In- und Ausland genau kennt, solch ein Mann wie Witte braucht unser Reich. Witte ist unentbehrlich in der jetzigen Zeit, darum muss die Wahlparole heißen: >Otto Witte wird gewählt! Das ist der richtige Mann!<„

Otto Witte schenkt Hindenburg seine Stimmen

In Bad Kreuznach lässt sich Otto Witte als Gastwirt nieder, mehr als einmal muss er den Gästen seine Geschichte erzählen. Vielleicht animiert ihn das zu einem neuen Abenteuer: Er will sich auch in Deutschland als Politiker versuchen und gründet die „Fraktionslose Partei des deutschen Mittelstandes". Als 1925 der Reichskanzler Friedrich Ebert stirbt und ein Nachfolger gesucht wird, lässt sich Otto Witte als Kandidat aufstellen. Im ersten Wahlgang kann er mehr als 100 000 Stimmen verbuchen. Sohn Karl: „Ihm genügte die Sensation. Er verzichtete auf seine Stimmen und schenkte sie mit einer großartigen Geste dem für den zweiten Wahlgang überraschend als Kandidaten aufgestellten Generalfeldmarschall von Hindenburg." Show ohne Ende.

Zu allem Unglück erschien dann noch ein Artikel in der Berliner Zeitung vom 21. Januar 1948, der sicher von Witte inspiriert war und in dem neben vielen anderen Erlebnissen, darunter natürlich die Albaner Affäre, auch von der Wiedergründung der fraktionslosen Partei die Rede war. Dass dieser Artikel die Ablehnung des Antrages durch die Alliierte Kommandantur am 31.01.1948 verursacht hat, scheint nicht ganz abwegig zu sein.

Witte lebte in den Notjahren nach dem 2. Weltkrieg in Berlin. Von dort aus wollte er, wie er einem Reporter des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel" im Oktober 1947 erzählte, ins Ausland gehen, um Lebensmittel herbeizuschaffen. Das muss ihm dann doch nicht erlaubt worden sein; an Energie hat es dem damals 73jährigen sicher nicht gefehlt.


Der Königstitel war noch in Otto Wittes Bundespersonalausweis vermerkt.

Am 13. August 1958 stirbt Otto Witte, er wird in Hamburg-Ohlsdorf beerdigt. In das Familiengrab wird auch seine bereits 1949 verstorbene und in Baumholder beerdigte Frau Maria zur endgültig letzten Ruhe gebettet.

Andreas Bauer, stellvertretender Intendant der Komischen Oper in Ost-Berlin, erinnerte sich viele Jahre später an eine Begegnung mit Otto Witte: „In meinem Gedächtnis ist er geblieben als ein liebenswerter Fantast, als einer der letzten Abenteurer, der, wie ein guter Clown, sich lustig machte über die Welt, aber auch – und das war seine Größe – über sich selbst."

Ein Clown, der König wurde. Wenn auch nur für fünf Tage. Ob wahr oder nicht – wollen wir’s unbedingt wissen?

 

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